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Ein Stück Wald für das Haselhuhn!?

Naturschutzziele des Landes im Blick: Stadt Nassau und Naturpark schaffen Strukturvielfalt im Wald.

Wer derzeit durch die rechtsseitigen Lahnhänge bei Nassau gegenüber Koppelheck wandert, der könnte etwas erschrecken. Doch keine Sorge, die dort laufende forstliche Maßnahmen der Stadt Nassau dient dem Zweck der Landschafts- bzw. Waldentwicklung, stimmt mit den Naturschutzzielen des Landes Rheinland-Pfalz überein und wird mit Mitteln des Naturparks Nassau gefördert.

Nach Auskunft der zuständigen Stelle werden hier um die 2 ha Wald „auf Stock gesetzt“. Dadurch soll eine kleine Mittelwaldkultur entstehen.

Aber was bedeutet das genau?  Als „Auf den Stock setzen“ bezeichnet man bei Bäumen und Sträuchern Triebe, die nach dem Verlust der primären Sprossachse neu aus dem Stumpf, der dann „Stock“ genannt wird, austreiben. Die Fähigkeit zu dieser Regeneration haben die meisten Sträucher, aber auch manche Laubbaumarten in Mitteleuropa, wie zum Beispiel die Eiche.

Niederwald ist die Bezeichnung für einen Wald aus Stockausschlag. Dazu erfolgt ein regelmäßiger Abtrieb, im Prinzip ein Kahlschlag, circa alle 25-50 Jahre. Generell ist die Niederwaldbewirtschaftung eher eine historische Wirtschaftsform, die hauptsächlich zur Brennholz-, Pottasche- und Gerbrindengewinnung diente.  

Beim Mittelwald bleiben zusätzlich einzelne große Bäume als sogenannte "Überhälter" stehen.

Möglichst aus Kernwuchs, also einen Baum, der im Gegensatz zu einem Stockausschlag aus einem Samen gewachsen ist. Dadurch können höhere (Brenn-)Holzerträge erwirtschaftet werden. Gleichzeitig dienen sie dem nachwachsenden Jungwuchs als Schutz und sorgen dadurch für mehr Artenvielfalt.

In Mitteleuropa gibt es heutzutage nur noch sehr wenige Nieder- und Mittelwälder. Aus wirtschaftlichen Gründen wurden diese Formen der Waldnutzung nach 1950 fast völlig eingestellt und die meisten Flächen in Hochwälder überführt. Ungefähr zu gleichen Zeitpunkt wurde diese Nutzung wahrscheinlich auch im Waldgebiet bei Nassau eingestellt.

Und was hat das mit dem Haselhuhn zu tun?

Das Gebiet in Nassau ist Teil des nach Richtlinie 79/409/EWG ausgewiesenen großflächigen europäischen Vogelschutzgebietes „Lahnhänge“. Wertgebende Art ist neben dem Mittelspecht auch das Haselhuhn. So sollen dort wichtige Strukturen für das Haselhuhn erhalten bleiben. Denn es benötigt zusammenhängende, stark gegliederte Wälder mit reichem Deckungsangebot. Durch die Entwicklung hin zu einer Mittelwaldkultur entstehen lichte, inhomogene Fläche. Dadurch, dass das etwas dünnere Geäst liegen gelassen wird, dient es gleichzeitig als Deckungsangebot und dem Schutz des Bodens vor Wildschweinen.

Im Gegensatz zum Mittelspecht, dessen Bestände in Deutschland relativ konstant sind wird das Haselhuhn sowohl in Deutschland als auch in Rheinland-Pfalz laut Roter Listen als "stark gefährdet" eingestuft wird. Die letzten Haselhuhnsichtungen in dem Gebiet sind schon etwas länger her. Die jüngsten Bestandserhebungen und derzeitigen Daten schließen eher darauf, dass das Haselhuhn in Rheinland-Pfalz noch seltener geworden ist und wahrscheinlich vom Aussterben bedroht ist. Ob dort tatsächlich noch Haselhühner vorkommen oder sich dort ansiedeln werden ist deshalb fraglich. Prinzipiell müssten aus Sicht des Naturschutzes in ganz großem Maßstab Flächen auf Dauer als Nieder- oder Mittelwald bewirtschaftet werden, um die Populationen zu sichern. Das würde allerdings Kosten verursachen, die niemand tragen kann. „Nichts desto trotz ist das eine sehr gute Maßnahme um Strukturvielfalt zu schaffen“, so Naturparkreferent Eschenauer. Das Haselhuhn ist sozusagen „nur“ die Leitart dieser Waldform. Durch die Auflichtung werden Konkurrenzverhältnisse sowie Wärme- und Lichthaushalt stark beeinflusst. Durch die neu geschaffenen Strukturen können dann auch andere Arten profitieren, beispielsweise lichtbedürftige, wärmeliebende Pflanzenarten. Mehr Licht und Sonne und das liegen gelassene Geäst nutzt aber auch diversen Tierarten, die Totholz als Lebensraum benötigen, wie beispielsweise dem Hirschkäfer. Auch der Haselmaus, einer streng geschützten Art, dem Baumpieper und diversen Schmetterlingen kann die Maßnahme zu Gute kommen. Letztlich können die stehen gelassenen "Überhälter" in Zukunft vielleicht auch dem Mittelspecht nutzen.

Zum Abschluss der Maßnahme sollen dann noch einige Elsbeeren gepflanzt werden. Die Blüte des Baumes des Jahres 2011 bietet vielen Insekten ein reiches Nektar- und Pollenangebot und bietet darüber hinaus auch Nahrung für Vögel und Fledermäuse.

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